Spracherkennung zum Nachbereiten von Coachings und Wokshops – Ein Selbstversuch

Inspiriert durch diesen Blogpost vom Herrn Kaliban starte ich ein Experiment im Rahmen meiner kleinen Reihe “Coaching und Moderation: Ankunft im digitalen Zeitalter“. Ich frage mich, kann ich meine persönliche Effizienz verbessern, indem ich Texte diktiere, statt sie zu tippen? Für meine eigene Nachbereitung und Dokumentation von Coachings oder Workshops wäre mein Anspruch gar nicht so hoch, wenn ich dafür meine Gedankengänge unmittelbar im Anschluss schnell “ausspeichern” und elektronisch ablegen könnte.

Ich schaue mir Dragon Dictation (kostenlos, für iPhone & iPad) sowie Siri (kostenlos, nur für iPhone 4S) genauer an. Um die Ergebnisse miteinander vergleichen zu können, spreche ich den folgenden fingierten Text möglichst natürlich ins Mikrofon.

Coaching von Herrn Forsch, Termin 3, Donnerstag 26.01.2012
[NEUER ABSATZ]

Heute haben wir über Herrn Forschs Auftreten gegenüber seiner
Kollegin, Frau Zweifel gesprochen. Herr Forsch berichtet eine
Auseinandersetzung der letzten Woche, die im Streit endete.
Seitdem herrsche 'Funkstille'. Derlei Konflikte mit Frau
Zweifel habe es schon häufiger gegeben, sie werden ihm zudem
von seinem Vorgesetzten in Personalgesprächen regelmäßig
vorgehalten. Herr Forsch formuliert folgende Ziele:
[NEUER ABSATZ]

1. seinen Beitrag am 'destruktiven Gesprächsmuster'
   mit 'dieser Frau' besser verstehen [NEUE ZEILE]
2. Strategien für den zukünftigen Kontakt entwickeln [NEUE ZEILE]
3. diese im Rahmen eines Rollenspiels ausprobieren [NEUE ZEILE]

eingesetzte Methode: 2 Rollenspiele mit anschl. Reflexion
[NEUER ABSATZ]

Zentrale Erkenntnisse: [NEUER ABSATZ]

- nicht mit der Tür ins Haus fallen [NEUE ZEILE]
- mit positivem Gefühl starten, lächeln, Eisbrecher etc. [NEUE ZEILE]
- ihre Zweifel anhören und ernst nehmen [NEUE ZEILE]
- Kompromissbereitschaft signalisieren [NEUER ABSATZ]

Folgetermin am 29.02.2012 um 14 Uhr in Köln

Experiment 1: Dragon Dictation
Insgesamt ist der Text (siehe Abbildung 1) aus meiner Sicht ausreichend verständlich, wenngleich insgesamt einige gröbere Fehler den Nutzen der Spracherkennung einschränken. Ich persönlich finde im erkannten Text 9 Stellen, deren Übersetzung mir nicht ausreicht. Dragon Dictation scheint (zumindest in meinem Fall) Probleme mit dem Eigennamen (Herr Forsch) zu haben, was ich nachvollziehen kann. Ärgerlicher sind mehrere Stellen, bei denen ganze Wörter ‘verschluckt’ werden, was der Verständlichkeit nicht gerade zuträglich ist.

Abbildung 1: Dragon Dictation 'verschluckt' für meinen Geschmack zu viele Wörter.

Experiment 2: Siri
Macht Apple es besser? Ich denke schon. Siri leistet sich etwas weniger Schnitzer. Hier ist die Erkennungsleistung für mich fast schon zufriedenstellend. Weil ich das Diktat nur dann verwenden möchte, wenn händische Korrekturen nicht mehr notwendig sind ist Siri in meinem kleinen Test die Siegerin. Abgesehen vom Eigennamen finde ich nur einen gröberen Erkennungsfehler (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Siri ist die Gewinnerin meines kleinen Experiments.

Ob die Erkennensleistung für den produktiven Einsatz ausreicht, muss natürlich jeder für sich selbst beantworten. Mit Sicherheit variieren die Ergebnisse von Sprecher zu Sprecher und mit unterschiedlichen Umgebungsgeräuschen. Für meine Versuche hatte ich einen ruhigen Raum, den ich aufgrund der Vertraulichkeit der Gespräche sowieso nutze. Evtl. wäre ein Diktat während der Autofahrt noch nützlich. Für mich kommt das aber nicht in Frage. Während ich persönlich mit dem Ergebnis zu leben bereit wäre, vermisse ich am stärksten die Grundfunktionalität eines richtigen Diktiergerätes, denn ich benötige definitiv mehrere Anläufe, um meine Gedanken in Worte zu fassen.

Ich habe daher die App Dictamus getestet, die insgesamt viel Applaus erhält. Um es kurz zu machen: Eine richtig gute Software mit allem was man zum Diktieren benötigt und mit beeindruckender Sprachqualität. Leider existiert bislang keine Schnittstelle, um die finalen Audioaufnahmen (.wav) an Dragon Dictation oder Siri zu übergeben. Was bleibt, ist ein Import in die PC/Mac-Version von Dragon Dictation, wie er z.B. von Ernie Svenson beschrieben wird. An dieser Stelle steige ich jedoch aus diesem Experiment aus, denn damit wird mir persönlich der Aufwand zu groß.

Fazit: Mein Selbstversuch zeigt mir das Potenzial von Spracherkennung für unseren Berufsstand. Wenn man einschlägigen Forenbeiträgen glauben darf, sind Ärzte und Juristen auf diesem Gebiet sogar schon deutlich weiter. Für eine komplett mobile Lösung wäre ich gerne bereit zu zahlen. Noch zu klären bleibt für mich allerdings, wie mit der Frage des Datenschutzes umzugehen ist, denn die Texte werden nicht lokal, sondern auf den (amerikanischen) Servern der Hersteller verarbeitet. Zu dieser Frage ist ein juristisch geprägter Gastbeitrag in Planung. Besuchen Sie dieses Blog also bald wieder, abonnieren Sie den RSS-Feed und hinterlassen Sie einen Kommentar mit Ihrer Meinung oder Erfahrung!

Alles was man über “Intelligenz” wissen muss (Stand: 2012)

Intelligenz [...] umfasst die Fähigkeiten zu schlussfolgern, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken, komplexe Ideen zu verstehen, schnell und aufgrund gemachter Erfahrungen zu lernen. Nicht gemeint sind auswendig gelerntes Wissen aus Büchern, eng umgrenzte akademische Qualifikationen oder pfiffiges Ausfüllen von Tests. Vielmehr spiegelt Intelligenz eine breitere und substanziellere Fähigkeit für das Verständnis unsere Umgebung wieder – etwas “durchblicken”, daraus “schlau werden” und die richtigen Schritte daraus “ableiten” (Linda Gottfredson, 1997).

Abbildung: Beim IQ-Wert nimmt man an, dass der Durchschnitt der Bevölkerung bei 100 liegt. Die Standardabweichung ist 15. Anhand der abgebildeten Glockenkurve kann man leicht erkennen, dass z.B. 68% der Bevölkerung demnach einen IQ-Wert zwischen 85 und 115 haben.

Ein Meilenstein der wissenschaftlichen Debatte stellt sicherlich das 1994 erschienen Buch “The Bell Curve” dar. Unter anderem zeigen die Autoren Charles Murray und Richard Herrnstein in ihrem Werk auf, dass Intelligenz zum einen durch IQ-Tests akkurat erfasst werden kann und zum anderen der beste Prädiktor für schulischen wie auch beruflichen Erfolg ist. Nicht alle dort getroffenen Aussagen blieben unwidersprochen. Die Publikation animierte Ulric Neisser sowie 10 weitere Wissenschaftler zum Schreiben eines gemeinsamen Papers, das noch heute eine herausragende Zusammenfassung dessen ist, was eine große Mehrheit einschlägiger Wissenschaftler als Tatsachen der Intelligenzforschung nennen würden. Jetzt, 16 Jahre später im Januar 2012, ist ein Update dieses Papers von Richard E. Nisbett und Kollegen erschienen. Es trägt den Titel “Intelligence: New Findings and Theoretical Developments”. Beide Artikel gemeinsam bringen jeden Interessierten in kürzester Zeit auf den Status Quo der Intelligenzforschung und sind als PDF verfügbar:

  1. 1996: Intelligence: Knowns and Unknowns
  2. 2012: Intelligence: New Findings and Theoretical Developments

Viel Spaß beim Lesen!

How big is my dog going to get? A regression analysis with R

Maya_10wo

The dog on the left is named Maya. She is a labrador retriever (field line), weighs 18 kilograms and is currently eight months old. My girlfriend and I carry the dog several times a day high in the fourth floor. We have learned that is important in the first year. Ok, but how much weight she will increase over the next months? I think: a great question to improve my skills in non-linear regression analysis!

We weigh our dog regularly on our Withings WiFi Body Scale. The data is here:

mydog <- read.csv("http://holtmeier.de/public/maya.csv")
mydog$DATE <- as.Date(mydog$DATE, "%Y/%m/%d")
mydog$AGE <- as.numeric(mydog$DATE - as.Date("2011-05-04"))

In line 3, I calculate the days since birth, because my approach does not work with dates. At least I do not know how. Basically, I know little to nothing about growth models of dogs. Therefore, I approach the question quite naive. I make two assumptions:

  1. The growth is non-linear. It is negative exponential, as it is in this example.
  2. The weight asymptotically approaches a genetically predetermined maximum value.

I have found the function SSasymp in “stats” package. The description says: “This self start model Evaluate the asymptotic regression function and its gradient It has an initial attribute that will evaluate initial estimates of the parameters Asym, R0, and lrc for a given set of data..” This is what I was looking for.

require(stats)
fm <- nls(WEIGHT ~ SSasymp(AGE, Asym, R0, lrc), data = mydog)
summary(fm)

The code results in the following output:

Formula: WEIGHT ~ SSasymp(AGE, Asym, R0, lrc)

Parameters:
     Estimate Std. Error t value Pr(>|t|)
Asym 22.92878    0.74010  30.981  < 2e-16 ***
R0   -2.59439    0.52484  -4.943 8.71e-06 ***
lrc  -5.07800    0.07263 -69.912  < 2e-16 ***

22.92878 is the numeric parameter representing the horizontal asymptote on the right side (very large values of input). So this is the estimate of the target weight for our dog (line 6, green line). Finally, I would like to visualize my data, including the regression curve. I use ggplot2 - as usual. In addition to model-based curve (line 5, red curve), I draw the model-free spline fit (line 4, blue curve). A spline fit per se does not assume a functional relationship between time and growth data (Kahm, M. et al. al., 2010).

require(ggplot2)
ggplot(data=mydog, aes(x=AGE, y=WEIGHT)) +
  geom_point() +
  geom_smooth(color="Blue", se=F) +
  geom_smooth(method="nls", formula=y~SSasymp(x, Asym, R0, lrc), color="red", se=F, fullrange=T) +
  geom_hline(color="green", yintercept=22.92878) +
  scale_x_continuous(limits=c(50,400)) +
  xlab("Alter (in Tagen)") + ylab("Gewicht (in kg)")

As I said, I am still learning. Are there better ways to estimate the weight of my dog? Other models (eg the Gompertz growth function)? I am looking forward to improving information!

Wie man anderen hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen

Viele Menschen tun sich schwer, eine Entscheidung zu treffen – erst recht die richtige. Der Analytic Hierarchy Process (AHP) ist eine von dem Mathematiker Thomas L. Saaty entwickelte Methode, um Entscheidungsprozesse zu unterstützen. Im Coaching verwende ich von zeit zu Zeit dieses Vorgehen, wenn mein Klient a) selber sehr strukturiert und analytisch denkt und b) die Entscheidungsqualität, nicht seine Entscheidungsfreude im Fokus steht. Es existiert eine iPhone App namens iDecide+ (läuft auch auf dem iPad), die dieses Vorgehen sehr schön implementiert. Ich nehme dies zum Anlass, die insgesamt wenig verbreitete AHP-Methodik im Rahmen meiner Artikelserie ”Coaching und Moderation: Ankunft im digitalen Zeitalter” vorzustellen und anhand eines konkreten Praxisbeispiels die Benutzung der Software zu erklären.

Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Sie sind mit Ihrem (oder: Ihr Klient ist mit seinem) aktuellen Job unzufrieden. Es gibt für ihn unterschiedlichste Alternativen:

  1. den Arbeitgeber wechseln (wir nehmen an, ein konkretes Angebot liegt vor)
  2. sich selbständig machen
  3. ein Sabbatjahr einschieben
  4. nochmal etwas anderes studieren
  5. sich auf eine andere Position beim aktuellen Arbeitgeber bewerben
  6. einen Sonnenschirmverleih auf Sylt eröffnen
  7. und schließlich: ”nichts ändern” und im aktuellen Job weiterarbeiten

Wie gehen Sie vor wenn Sie andere dabei unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen? Vielleicht werden Sie zunächst ergründen, welche Bedürfnisse mit einem Jobwechsel befriedigt werden sollen. Möglicherweise sind es die folgenden:

  • herausfordernde Tätigkeit
  • geringe Distanz zum Wohnort
  • gute Work-Life-Balance
  • hohes Grundgehalt
  • hohe Arbeitsplatzsicherheit
  • wenig Reisetätigkeit
  • Gelegenheit, viel Neues zu lernen
  • viel Flexibilität haben

Können Sie sich in mein Beispiel hineindenken? Es liegt auf der Hand, dass mache dieser Bedürfnisse wichtiger sind als andere. Die Alternative mit der besten Bedürfniserfüllung sollte logischerweise gewählt werden. Das menschliche Gehirn ist allerdings nicht besonders gut darin, so viele Variablen auf einmal zu berücksichtigen. Am Ende treffen wir oft eine Bauchentscheidung beziehungsweise verlassen und auf unsere ungenauen und fehleranfälligen Urteilsheuristiken.

Die AHP-Methode von Saaty systematisiert diesen Prozess. Das Vorgehen basiert auf Paarvergleichen und einer “Priese” Matrizenrechnung und wird an dieser Stelle nicht im Detail beschrieben. Als reiner Softwareanwender reicht es aus, die oben beschriebenen Bedürfnisse und (Job-)Alternativen in iDecide+ einzutragen. Das Vorgehen und die Möglichkeiten der Konfiguration (speziell die Skalenauswahl) werden sehr anschaulich in Form von 7 Screencasts auf der Seite des Herstellers fastworks erklärt. Es bedarf zwar einer kurzen Einarbeitung, aber die lohnt.

Screenshot 1: Im ersten Schritt muss sich der Klient entscheiden, was ihm wichtiger ist.

Nach abgeschlossener Konfiguration führt uns iDecide+ durch insgesamt 28 Paarvergleiche (=vollständiger Paarvergleich) nach folgendem Prinzip: Was ist mir wichtiger? Eine “herausfordernde Tätigkeit” oder “eine geringe Distanz zum Wohnort”? Der Nutzer kann beide Alternativen als gleich wichtig (“Equal”) bewerten, oder er schiebt den Regler auf die eine oder andere Seite, bis hin zur maximalen Skalenausprägung (“Extreme”). Der folgende Screenshot rechts zeigt exemplarisch die Bedürfnislage eines meiner Klienten. Hier wird auch schon ein großer Vorteil dieses Vorgehens deutlich: Die Reduktion auf zwei miteinander zu vergleichende Kriterien reduziert die Komplexität der Entscheidungsaufgabe enorm und macht sie für uns Normalsterbliche handhabbar.

Screenshot 2: In einem zweiten Schritt kann bei Bedarf die Stimmigkeit der eigenen Vergleichsurteile gezielt verbessert werden.

28 Paarvergleiche später, ist er sich nicht mehr sicher, ob er sich nicht irgendwo widersprochen hat. Denn, wenn A wichtiger B und B wichtiger C, dann muss theoretisch auch A wichtiger C sein. Die Software unterstützt mich und ihn aber auch hier und berechnet einen Konsistenzindex (0 – 100%) auf Basis seiner Paarvergleiche. In meinem Beispiel liegt dieser bei 53% (poor = dürftig). Er ist also nicht besonders gut in der Lage, eine in sich stimmige Priorisierung zu erstellen. Ein kleiner grüner Pfeil zeigt uns glücklicherweise an, wie sein Urteil hätte ausfallen müssen, um den Konsistenzindex maximal positiv zu beeinflussen (vergl. Screenshot 2). In einem zweiten Schritt können wir also jeden seiner Paarvergleiche nochmals hinterfragen und evtl. korrigieren. Ist ihm vielleicht tatsächlich eine “geringe Distanz zum Wohnort” wichtiger als eine “herausfordernde Tätigkeit”? Wenn ich den Schieberegler auf die Position des grünen Pfeils versetze, steigt der Konsistenzindex immerhin auf 62%. Nach Abschluss aller Korrekturen erreichten wir übrigens eine gute Konsistenz von 90%.

Screenshot 3: So könnte die Wichtigkeit der Bedürfnisse in eine Rangreihe gebracht werden.

Aus diesen Daten errechnet uns iDecide+ das in Screenshot 3 dargestellte Ranking. Meinem Klienten ist also Flexibilität am wichtigsten. Im dritten Schritt muss er jetzt nur noch für jede seiner Job-Alternativen (siehe oben) die Fakten eintragen und manchmal schätzen. Wieviel Flexibilität bietet ihm ein neuer Job (Skala: 0-10)? Wieviel Reisetätigkeit bringt dieser mit sich (Skala: viel/mittel/wenig)? Wie groß ist die Entfernung zum Wohnort (Skala: Angabe in km)? Hat er alle Einträge ausgefüllt, erhalten wir im Ergebnis eine Rangreihe seiner Job-Alternativen. In der Regel ist es die Alternative mit der besten Passung, für die er sich entscheiden sollte. In meinem Praxisbeispiel liegen zwei Alternativen gleich auf (vergl. Screenshot 4): Entweder er ändert nichts (76,5%) oder er wagt den Schritt in die Selbständigkeit (75,9%). Auf jeden Fall berichtet er das Gefühl seine Entscheidung auf Basis eines fundierten analytischen Vorgehens getroffen zu haben, so dass er in seinem Entscheidungsprozess ein gutes Stück weiter gekommen ist.

Screenshot 4: So sieht das Endergebnis aus. Die Job-Alternative mit der besten Passung wird ganz oben, die mit der geringsten ganz unten angezeigt.

Fazit: Mein abschließendes Urteil zu iDecide+ fällt sehr positiv aus. Die App bedient sich nach einer ersten Eingewöhnungsphase sehr intuitiv und komfortabel. Der Menüpunkt Explore erlaubt sogar die Betrachtung bestimmter Was-Wäre-Wenn-Szenarien. Zum Beispiel kann mein Klient ausprobieren, welche Alternative er präferieren sollte, wenn er weniger Wert auf Flexibilität legen würde. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine doppelstündige Sitzung für den gesamten AHP-Prozess meist zu kurz ist. Besser eignen sich drei oder sogar vier Stunden. Im Prinzip sind es nur zwei Punkte, die ich zu kritisieren habe. Zum einen ist die App limitiert auf 10 Kriterien (in meinem Beispiel: Bedürfnisse). Das reicht zwar in den meisten Fällen aus, aber eben nicht in allen. Mein zweiter Kritikpunkt hängt damit indirekt zusammen. Es liegt in der Natur der Methodik des Paarvergleichs, dass die Anzahl notwendiger Paarvergleiche mit der Anzahl zu bewertender Kriterien exponentiell steigt. Bei meinen 8 Kriterien waren 28 Paarvergleiche [ Formel: (n * (n-1)) / 2 ] nötig. Bei 15 Kriterien wären es schon 105 Paarvergleiche. Hoher Zeitbedarf und aufkeimende Frustration sind die Folge. Es gibt auch Softwarelösungen, die mit unvollständigen Paarvergleichen arbeiten und deswegen auch für eine größere Anzahl von Kriterien geeignet sind. Die Methodik wird u.a. von Staufenbiel und Kleinmann beschrieben.

Losgelöst vom oben geschilderten Beispiel gibt es natürlich eine Vielzahl weiterer Anwendungsmöglichkeiten der AHP-Methodik, auch außerhalb des Coachingbereichs. In meinem Job als HR-Berater verwende ich das Vorgehen häufig bei der Erarbeitung von Kompetenzmodellen für die Personalauswahl und Personalentwicklung. Doch auch dazu vielleicht an anderer Stelle mehr…

Der digitale Coach – Rezension der iPad-App: Compact Coach “Sich durchsetzen”

Die heutige Rezension ist der letzte 2011er-Beitrag in meiner Artikelserie ”Coaching und Moderation: Ankunft im digitalen Zeitalter”. Ich habe mir dafür eine “Coaching-App” etwas genauer angeschaut.

Es muss ja nicht immer ein professioneller Coach sein. Für das eine oder andere Anliegen eignet sich vielleicht auch das Selbst-Coaching. Ich bin neugierig, wie der Haufe-Verlag das Thema auf dem (noch relativ neuen) iPad umgesetzt hat. Ich investiere also die € 2.99,- (Preisaktion nur noch bis heute Nacht) und lade mir den Compact Coach auf mein Tablet. Es gibt auch eine Version für das iPhone. Androiden und andere gehen leer aus.

Was mich erwartet ist eine dreiteilige Struktur (Selbsttest (“Parcours”) -> Wissenserwerb -> Lerntest). Die App wirkt auf mich gut strukturiert und übersichtlich. Nach Auffassung der Autoren sind es fünf Verhaltensfacetten, die bei der Stärkung der eigenen Durchsetzungsfähigkeit eine wichtige Rolle spielen:
a) Stärken zeigen
b) Klar kommunizieren
c) Überzeugen
d) Kämpfen
e) Andere für sich gewinnen

Im Prinzip ist der Ansatz der Autoren nicht verkehrt. Sie hinterfragen beim Nutzer/Coachee dessen fundamentale Glaubenssätze, machen auf Signale der eigene Körpersprache aufmerksam und geben konkrete Tipps. Mir gefällt auch, die Würze, die in der Kürze steckt, denn ich glaube mehr Umfang will kaum ein Nutzer. In Einzelfällen würde ich den Autoren zwar durchaus widersprechen wollen, doch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Durchsetzungsfähigkeit bewerte ich die Software aus inhaltlichen Überlegungen als durchaus gelungen.

Screenshot der iPad-App "Sich durchsetzen" aus der Reihe "Kompakt Coach" vom Haufe-Verlag in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung

Die Umsetzung enttäuscht mich leider. Eine Mischung aus eBook und multiple Choice-Test kann mich nicht vom Hocker reißen. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum im Abschnitt “Körpersprache” nur Fotos und keine Videos verwendet werden. Oder anderes Beispiel: Die Ergebnisse eines Selbsttestes sind weder grafisch hübsch aufbereitet noch druck- oder exportierbar. So ist es eher unwahrscheinlich, dass der Coachee mit diesen Ergebnissen “weiterarbeiten” wird. Wir sehen hier eine Umsetzung eines Buches auf dem iPad, ohne dessen Möglichkeiten auch nur annähernd zu nutzen. Um nur ein paar Ideen zu nennen, die mir spontan einfallen:

a) Adaptives Verhalten der Software: Warum analysiert die Software nicht die Ergebnisse des anfänglichen Selbsttestes und gibt dem Nutzer spezifischere Hinweise, Herausforderungen oder Aufgaben, die besser zu ihm passen? Ich finde, gerade diese Dynamik macht den Unterschied zwischen Buch und App aus.

b) Videoanalyse (Selbst- und Fremdbild): Warum gibt es nicht die Möglichkeit ein Video von sich selbst aufzunehmen und sich anschließend hinsichtlich bestimmter Kriterien selbst zu bewerten. Das Video könnte auch von anderen Personen bewertet werden, so dass ein Vergleich von Selbst- und Fremdbild möglich würde.

Bleibt abschließend die zentrale Frage, ob die App ihren Zweck erfüllt und nützlich ist. Für Menschen, die lieber ihren Tablet PC oder ihr Smartphone zum Lesen verwenden und ein bischen Interaktivität mögen, ist Haufes Compact Coach “Sich durchsetzen” sicher ein Tipp. Den Preis finde ich sehr fair – hier gibt es nichts zu meckern. Dem Käufer muss jedoch klar sein, dass die App ausschließlich die Wissensebene anspricht. Selbst wenn Erkenntnis der erste Schritt zur Veränderung ist, bedeutet dies noch lange nicht sich auch ändern zu können. Unsere Persönlichkeit, unsere Verhaltensgewohnheiten und unser Umfeld machen uns bekanntlich gar zu oft einen Strich durch die Rechnung. Nur wäre es auch nicht fair, von einer Software zu verlangen, was ein ausgebildeter Coach zu leisten im Stande ist. Dieser wird natürlich viel individueller auf seinen Coachee eingehen. Trotzdem denke ich, dass die Grenzen “digitalen Coachings” noch lange nicht erreicht sind. Für mich ist beides kein entweder oder sondern ein sowohl als auch.

Guten Start ins neue Jahr – Bleiben Sie gesund!

The ‘R’ in Human [R]esources (or: a very brief introduction to the statistical package ‘R’ for HR)

logo-r

I studied psychology in Marburg (Germany). At university we exclusively used SPSS. The courses were among my classmates usually not the most popular. After over 10 years in management consulting, I have noticed that little has changed to this. It’s a shame because a lot of interesting data in consulting firms and HR departments remain unused.

In my role as managing director of kibit GmbH, I have placed the focus of the company on ”R” (instead of SPSS). We use R e.g. for the evaluation of employee surveys and 360 degree feedback. In particular, the possibilities of automation, the outstanding graphical capabilities and the reproducibility of our work have been decisive. Meanwhile, we have changed to RStudio as a graphical development environment (GUI).

Here in my blog I will publish in the future at irregular intervals interesting code examples (with links to HR). Perhaps some readers feel encouraged to give R a try. Well, if so, what should they do?

  1. install the required software (R & RStudio)
  2. try the code on the bottom of this page

R is available for Mac, Windows and Linux. Installation is not complicated. When you first launch RStudio, you will be greeted by an interface that looks similar to this:

Screenshot: RStudio

R is a programming language. As with other languages, also applies here: practice makes perfect. I personally think the website Quick-R, and this manual are good points to start.

Now we open a new window (File -> New -> R script) and copy the following code into it. Then we select everything and press the run button.

assessors <- c(8, 10, 8, 5, 4, 7, 10, 6)
names(assessors) <- c("Fischer", "Miller", "Mayer", "Master", "Hunter", "Smith", "Kim", "Baker")
barplot(sort(assessors, decreasing = TRUE), main = "assessment center per year", col = hcl(h = seq(0, 240, by = 30)), horiz = TRUE, las=1)

In line 1 we define eight values, which we assign certain people in line 2. The third line generates the graph. If all goes well, we get the following result:
There is even an easier way to try out my little example. Insert the code on http://cloudst.at. It’s magic!

Die 10 ultimativen HR-Weihnachtsgeschenke

harry

Noch immer keine überzeugende weihnachtliche Geschenkidee? Mal schauen, ob ich da nicht helfen kann. Keine Panik also, ein paar Tage sind es ja noch! Wie wäre es zum Beispiel mit einem der folgenden Präsente? (Angegebene Preise ohne Gewähr und Versandkosten.)

  1. Ein Interessantes Experiment: Jedes Mal ein lilanes Gummiband von einem Arm auf den anderen streifen, sobald man negative Gedanken äußert. Durch den Wechsel des Bandes wird einem bewusst, wie oft man am Tag nörgelt, lästert oder sich irgendwie beklagt. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung… [Buch, z.B. bei Amazon für € 16.95,-]
  2. Ein Film (auch) über Kündigungen: Als Kündigungsexperte fliegt George Clooney kreuz und quer durch die USA, um nicht mehr benötigten Arbeitnehmern ihre Entlassung mitzuteilen. Netter Film für einen Videoabend. [Blue Ray, z.B. bei Thalia für € 12.99,-]
  3. Ein etwas anderes Lehrbuch über systemische Beratung: Niemand kann die Grundzüge systemischen Denkens so gut auf den Punkt bringen, wie Hägar der Schreckliche. Auch für Nicht-Psychologen geeignet, die andere Sichtweisen kennen lernen wollen. [Comic, z.B. bei Amazon für € 15.30,-]
  4. Ein lustiges T-Shirt: Mit einem qualitativ guten Shirt von American Apparel macht man nie etwas falsch. Der Druck kann nach eigenem Gusto verändert werden. Ein echtes Unikat also. [T-Shirt, bei zazzle.de für € 20.75,-]
  5. Ein Feedback oder ein Coaching (Achtung: Eigenwerbung): Feedback ist ein gutes Geschenk! Doch vielen Menschen bleibt eine ehrliche Rückmeldung verwehrt. Ein 360° Feedback kann Ausgangspunkt für mehr berufliche Zufriedenheit und größeren Erfolg sein. Ein karrierebezogenes Coaching kann helfen, den richtigen Kurs für 2012 zu setzen. Vielleicht ist das Geld hier ja sinnvoller investiert als in PlayStation, LED-TV oder iPad… [360° Feedback: € 490,- / Coachingtermin: ab € 200,-]
  6. Eine Einladung zur Persönlichkeitsentwicklung: Personality Poker ist ein Spiel, mit dem Sie erfahren, wie Ihr Verhalten auf andere wirkt. Es eignet sich für Teams, Gruppen und Individuen. [Spiel, z.B. bei trainerbuch.de für € 118,-]
  7. Ein Weg, nicht mehr als 4 Stunden pro Woche zu arbeiten: Wenn auch das Ziel nicht für jeden erreichbar oder erstrebenswert ist, so regt Tim Ferriss definitiv dazu an, dass reine Arbeitnehmerdasein und die vielen sinnlosen täglichen Tätigkeiten auf den Prüfstand zu stellen. [Buch, z.B. bei Amazon für € 16.90,-]
  8. Ein Abschreckungsbeispiel: Sobald die Phase des “Fremdschämens” überwunden ist, kann man Stromberg uneingeschränkt genießen. Alles ist viel näher an der Realität, als man zuzugeben bereit ist. Grandios. Wer die ersten 4 Staffeln schon kennt, kauft die gerade erschienen 5. Staffel. [DVD, z.B. bei Otto für € 37.99,- als Deluxe Edition]
  9. Ein Anlass zum gepflegten Sinn-ieren: Es ist immer wieder erstaunlich, wie diese Karten den Blickwinkel verändern und zu neuen Lösungsansätze inspirieren. Kann ich wirklich jedem empfehlen. [Karten, bei JANUS-Jokisch Sinn-ier GmbH für € 89,-]
  10. Ein Comic über die Härten der Arbeitswelt: Dilbert und Catbert (the evil HR director) gehören eigentlich in jedes Büro. [Kalender, z.B. bei Amazon für € 10.80,-]

Mit dem Microsoft Windows Tablet-PC besser und vor allem papierfrei (!) coachen

AC-Situation 1

Nach meinen ersten vier Beiträgen (1, 2, 3, 4) zur Reihe ”Coaching und Moderation: Ankunft im digitalen Zeitalter” konnte ich für den fünften meinen Kollegen Michael Lüdeke als Gastautor gewinnen. Michael setzt in seinen Coaching-Gesprächen einen Tablet-PC der Slate-Bauweise mit Microsoft Windows ein und berichtet von seinen sehr positiven Erfahrungen damit. Leg los, Micha!

Michael Lüdeke: Ich möchte heute über eine grundlegende und dennoch effektive und effiziente Nutzung von Tablet-PCs im Coaching-Kontext berichten. Ich benutze dazu einen Tablet-PC mit Windows XP Tablet PC Edition 2005. Das etwas in die Jahre gekommene LE1600 von Motion Computing hat in meinen Sitzungen mehrere kleine Nutzen bringende Aufgaben, die ich meist mit der standardmäßig installierten Software Windows-Journal umsetze. Unter anderem:

  • Vorbereitung: Gedanken, Ideen, kritische Fragen, evtl. anzusprechende Themen für die Sitzung können alle im Vorhinein festgehalten werden. Wenn zwischen den Sitzungen noch Telefon- oder Emailkontakt bestand, können Wünsche des Klienten natürlich auch in die eigenen schon aufgeschriebenen Gedanken eingeflochten werden.
  • Notizen während und nach der Sitzung: Ich bin der Typ Coach, der gerne mitschreibt, um auch bei weit auseinander liegenden Sitzungen schnell wieder in die Thematik des Klienten hineinzufinden. Das Schöne am Windows-Journal: Notizen können umsortiert, verschoben, via drag & drop geclustert werden, sind farblich markierbar und lassen sich so nicht nur vorher, sondern auch während einer Sitzung und im Nachgang noch nach dem eigenen Geschmack aufbereiten. Auf dem Tablet schreibe ich handschriftlich mit. Möglich ist alles, was man auch mit Stift und Papier machen könnten, also zum Beispiel Schaubilder zum gegenseitigen Verständnis aufzumalen, zu skizzieren und bei Bedarf nachzuschärfen. Oder ich kann im Nachgang überprüfen, was geplant war und was davon umgesetzt worden ist (Abgleich von IST und SOLL).
  • Multimedia: Über die Software Windows-Journal hinaus bietet das Tablet mir auch die Möglichkeit, im Hintergrund Erklärungsmodelle oder auch einen kurzen Evaluationsbogen für die Coachingsitzung bereit zu halten. Cartoons mit Weisheiten oder Sprüchen (mehr wert als tausend Coaching-Worte!) geben dem Klienten die Möglichkeit, eine Theorie oder einen Hintergrund genauer und vereinfachter zu erfahren und sich das Erklärte besser zu merken. Man kann ebenfalls Audio- und Videodateien einbinden, um bestimmte Diskussionspunkte oder Themen zu verdeutlichen (z.B. das von mir gerne genutzte “Gorilla-Video“, dass den “Effekt der selektiven Wahrnehmung” aufzeigt).
  • Immer alles dabei: Gerade auch für Coaching-Anfänger ist es sehr hilfreich, dass diese mit dem Tablet-PC bei Bedarf Formate, mit denen sie noch nicht so sicher sind oder die sie schon lange nicht mehr angewendet haben, einen Ablaufplan, Prozessschritte oder auch Fragen z.B. als pdf hinterlegen und darauf bei Bedarf während einer Sitzung zugreifen können. Der Klient sieht den Coach als protokollierenden und mitschreibenden Partner, während dieser die Sicherheit hat, notfalls alles nachschlagen zu können.

Fazit: mit dem Tablet sind viele Dinge parallel ausführbar, schnell zur Hand und vor allem auch im Nachgang leicht zu archivieren, zu teilen und auch zu späteren Zeitpunkten abrufbar. Papier, das spar ich mir.

Was sind Ihre Erfahrungen? Scannen Sie Ihre Aufzeichnungen ein? Archivieren Sie Papier? Wie verschicken Sie z.B. Dokumente an Ihre Klienten, damit sie auch nach dem Coaching noch damit arbeiten? Wir freuen uns über Ihre Kommentare!

PS: Michael Lüdeke hat auch eine eigene sehr lesenswerte Homepage.

Gender Balance: Was Männer wirklich über Frauenquoten denken und sich nicht zu sagen trauen…

Fast jedes deutsche Unternehmen beschäftigt sich aktuell (mal wieder) mit dem Thema Frauenmangel im Top-Management. Doch bevor ein Unternehmen sich eine Zielvorgabe setzt oder gar Maßnahmen bzw. Programme startet, steht hoffentlich eine genaue Analyse. Was behindert die Karriere von Frauen im eigenen Unternehmen?

Wer weiß das schon genau? Die Zeitschrift managerSeminare (Heft 165, Dez. 2011) fragte 108 Leser und erfährt, dass die Unternehmenskultur nur auf dem Papier familienfreundlich ist (63% Zustimmung). Hinderlich sei außerdem ein Beförderungssystem, dass nicht nach Fähigkeit und Leistung fördere, sondern nach Aufwand und Beziehung (50% Zustimmung). Schließlich stünden sich auch die Frauen selbst im Weg, weil sie sich nicht durchsetzen und zu oft nur als “fleißiges Bienchen” positionieren (49% Zustimmung). Also mal in anderen Worten:

  • männlich dominierte Unternehmenskultur (= unattraktiv für geeignete Frauen)
  • systematische Fehlentscheidungen bei Besetzungen (= unfair für geeignete Frauen)
  • schlechtes weibliches Selbstmarketing (= unpassend für geeignete Frauen)

Der Weg ins Top-Management ist also für viele geeignete Frauen unattraktiv, unfair und unpassend? Dem geneigten Leser empfehle ich in diesem Zusammenhang auch den Artikel von  Claudia Peus und Isabell M. Welpe: Frauen in Führungspositionen – Was Unternehmen wissen sollten. Was Befragungen (wie z.B. die oben erwähnte) aber oft nur zum Vorschein bringen, sind sozial akzeptierte, gefilterte Aussagen. In eigenen Projekten und unzähligen Gender-Balance-Interviews mit Vorständen und Führungskräften der mittleren und oberen Ebenen wurden mir dutzende solcher Ursachen genannt. Viele Vorstände und Top-Manager zeigten sich reflektiert, des Problems bewusst und bereit, Teil der Lösung zu sein. Doch können sie das überhaupt, ohne sich selbst zu schaden?

Klar, wer selbst noch auf der Karriereleiter aufsteigen will und männlich ist, dessen Ziel ist natürlich ganz realistisch durch mehr weibliche Konkurrenz in Gefahr. ER befindet sich definitiv früher oder später in einem Interessenkonflikt.

Doch welche verhaltensbestimmenden Mechanismen können wir bei den vielen anderen Vorständen und Top-Managern annehmen, die vielleicht durchaus weniger egoistisch-karriereorientiert denken? Auch sie werden im Falle von ungefähr gleichwertigen Handlungsalternativen so entscheiden, dass Sie persönlich einen Nutzen für sich sehen. Werden sie also eher eine Frau oder eher einen Mann substanziell fördern? Ich habe drei Thesen gehört:

  1. Besagter (männlicher) Manager denkt wie ein Statistiker und minimiert Risiken. Er denkt: “Die Wahrscheinlichkeit, dass mein weiblicher Protegé nach einer Kinderpause nicht zurück kommt ist höher als bei einem männlichen. Außerdem sind Männer eher bereit Opfer für die eigene Karriere zu bringen; sie sind durch Macht zu motivieren. Frauen sind freizeit- und familienorientierter. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür, dass ein Mann diese (nicht gerade vergnügungssteuerpflichtige) Aufgabe verantwortungsvoll und langfristig übernimmt. Ich bin also gut beraten, wenn ich auf einen Mann setze.
  2. Besagter (männlicher) Manager ist immer bestrebt ein möglichst mächtiges berufliches Netzwerk zu besitzen. Er denkt: “Frauen mögen zwar geeignete Kandidatinnen sein, aber werden sie sich auch in Zukunft durchsetzen? Was ist beim nächsten Schritt, wenn nicht ich ihr die Tür öffne, sondern sie selbst ihren Anspruch formulieren und vielleicht auch mal ihre Ellenbogen gebrauchen muss. Habe ich dann auf das richtige Pferd gesetzt oder hat mein Kollege, der einen Mann protegiert, dann einen wichtigen Kontakt in mächtiger Position?
  3. Besagter (männlicher) Manager ist von Frauen in seinem Umfeld verunsichert, weil er meint, deren Motive schlechter einschätzen zu können; sie sind für ihn weniger berechenbar. Er denkt: “Was passiert, wenn mein weiblicher Protegé es schafft, und Karriere (an mir vorbei) macht? Gelten dann noch die selben impliziten Regeln, wie sie in unseren bestehenden Männernetzwerken Gültigkeit besitzen? Sind ihre Werte, Interessen, Ziele denn überhaupt mit meinen kompatibel, oder werden wir dann Konflikte bekommen?

Ich behaupte nicht, dass das männliche Top-Management sich solcher Überlegungen immer bewusst ist. Ganz im Gegenteil sogar: Die allermeisten sind zweifelsohne bemüht, die richtigen Personalentscheidungen zu treffen, nur gänzlich freimachen von obigen Einflüssen können sie sich auch nicht.

Fazit: Wenn es nicht gelingt, die subtilen Widerstände der männlichen Top-Manager abzumildern, dann werden motivierte Frauen immer wieder an “gläserne Decken” stoßen. Dann können nur feste Quoten die Verhältnisse ändern und in deren Folge wird der aktuell subtile Widerstand der Männer offener und systematischer werden.

Vision für die Zukunft der “World Café”-Methodik (mit iPad & Microsofts Surface 2)

World Café

Willkommen zu Teil 4 der Reihe ”Coaching und Moderation: Ankunft im digitalen Zeitalter“. Heute widme ich mich, inspiriert durch eine interessante Veranstaltung an der Hochschule Fresenius in Köln, einer Moderationsmethode für große Gruppen – dem sogenannten World Café.

Bei diesem Format handelt es sich um eine Gruppenarbeit für ein Zeitfenster von ca. einem halben Tag. Ein World Café ist (behaupte ich jetzt mal) für Gruppen zwischen 20 und 80 Personen optimal geeignet, wenn das Ziel die Suche nach Input für ein bestimmtes Thema ist (z.B. Wie können wir im “War for Talents” bestehen?) und möglichst unterschiedliche Teilnehmer (z.B. Linienmanager, Schüler, Studenten, Personaler, Lokalpolitiker etc.) involviert werden sollen. Nicht geeignet ist die Methoden, wenn Lösungen für ein konkretes Problem innerhalb kürzester Zeit benötigt werden. In diesem Fall eignet sich z.B. eher die Methode des Brainstormings.

Die Teilnehmer treffen sich in einem Raum, in dem kleine Tische für jeweils 4-8 Personen stehen. Durch eine Dekoration mit Blumen, Papier-Tischdecken und angenehmer Beleuchtung wird eine Atmosphäre geschaffen, die es den Teilnehmern ermöglichen soll, den Arbeitsalltag hinter sich zu lassen. Dem Setting liegt die Erfahrung zugrunde, dass die bedeutendsten Ideen oft dann kommen, wenn nicht intensiv nach ihnen gesucht wird – z.B. unter der Dusche oder eben in den Kaffepausen zwischen Workshops und Konferenzbeiträgen.

Die Teilnehmer diskutieren an ihren Tischen die Fragestellung(en) und “kritzeln” ihre Ideen auf die Papiertischdecken. Während eine Person als „Gastgeber“ am Tisch sitzen bleibt, verteilen sich die anderen nach ca. 25 Minuten “querbeet” auf neue Plätze. Dort verweist der verbliebene Gastgeber auf die Skizzen und lädt die Neuankömmlinge ein, ihrerseits zu erzählen, was in der vorherigen Runde besprochen wurde. Es kommt zu immer neuen Konstellationen und befruchtenden Gesprächen. Meist werden 3-4 Tischwechsel eingeplant.

Am Ende werden die vielen Ideen der unterschiedlichen Tische zusammengetragen und für das Plenum aufbereitet. Welche Form geeignet ist, um die Ergebnisse der vielen Tischgespräche zu würdigen und zusammen zu fassen, hängt von Faktoren wie zum Beispiel dem  Ziel der Veranstaltung, der Gruppengröße, der Kultur des Unternehmens und auch von den Räumlichkeiten ab. Ich selbst habe bislang entweder mit Metaplan-Kärtchen gearbeitet oder eine “Vernissage” veranstaltet:

  • Metaplan-Auswertung: In der letzten Gesprächsrunde des World Cafés beschreiben die Teilnehmer in diesem Fall Moderationskarten mit den drei wichtigsten Vorschlägen oder Ideen für die Zukunft. Diese zahlenmäßige Beschränkung dient als “Qualitätsfilter” und steigert die Übersicht des finalen Ergebnisses. Die Moderationskärtchen werden dann auf einer großen Metaplanwand gesammelt.
  • Vernissage mit Priorisierung: Alle Papiertischdecken mit den “gekritzelten” Ideen werden in einer Art “Ergebnis-Galerie” ausgestellt. Jeder Teilnehmer bekommt drei Klebepunkte, mit denen die subjektiv wichtigsten Ergebnisse markiert werden können.

Vorab: Das World Café ist eine hervorragende Methode, um die kollektive Kreativität einer großen Gruppe für ein bestimmtes Thema anzuzapfen. Die große Stärke liegt darüber hinaus im Austausch völlig unterschiedlicher Menschen, die sonst niemals miteinander ins Gespräch kommen würden. Letztlich steigt auf diese Weise auch die Bereitschaft der Teilnehmer, an der Umsetzung daraus entstehender Maßnahmen aktiv mitzuwirken, denn aus Betroffenen sind Beteiligte geworden. Dennoch, irgendwie kommt mir der Ablauf immer etwas altbacken vor. Wenn ich Innovativ sein soll, dann wünsche ich mir dafür doch ein ebensolches Umfeld. Der Kontext eines World Cafés löst bei mir aber Assoziationen wie “Häkelgruppe” und “Kaffeekränzchen” aus. Für ein modernes Unternehmen wünsche ich mir da etwas mehr Equipment mit Wow-Faktor. Ja: Technischer Schnickschnack!

Zunächst muss ich an eine großartige Technologie von Microsoft denken: Surface 2! Dabei handelt es sich um ein großes LCD-Display, welches als Tisch fungiert. Die erste Version war noch eine recht klobige Würfelform, mit integriertem Beamer, die bestenfalls das Zeug zum Couchtisch hatte. Surface 2 jedoch kann mich durchweg begeistern. Das Display reagiert auf Berührungen, kann Texte auf Papierblättern lesen und erkennt technische Geräte ebenso wie andere Gegenstände. Mit etwas Fantasie kann ich mir gut vorstellen, dass gemeinschaftlich an solchen Tischen diskutiert, recherchiert, produziert (“gekritzelt”) wird und die Ergebnisse dann unmittelbar in digitaler Form vorliegen. Das ist die Zukunft!

Für die Gegenwart baue ich (noch) auf iPads als Plattform, denn sie sind recht günstig, verbreitet und mit der großen Anzahl an Apps sehr universell einsetzbar. Ich persönlich schätze das Prinzip der Papiertischdecken zum spontanen Fixieren von Gedanken sehr. Solange der Tisch selbst nicht “beschreibbar” ist (s.o.), würde ich von diesem Vorgehen nicht abrücken wollen. Sehr wohl würde ich aber die beiden oben beschriebenen Varianten der Ergebnisaufbereitung um eine weitere erweitern. Ich verwende dafür die App ZigZag Board, ein Whiteboard für gemeinschaftliches Zeichnen.

  • iPad-Auswertung: in der letzten Runde des World Café visualisiert jeder Tisch seine Kerngedanken auf einem iPad. Parallel entsteht so ein Gesamtkunstwerk, dessen Entstehungsprozess von allen Teilnehmern a) auf den kleinen Displays der iPads und b) als Projektion auf großer Leinwand verfolgt werden kann. Wenn Ideen/Gedanken bereits von anderen visualisiert wurden, werden diese erweitert oder bekräftigt. Man kann zum Beispiel zur Konvention machen, dass jeder Tisch eine andere Farbe benutzt.

Screenshot der iPad-App ZigZag Board.

Ich habe mich für die App “ZigZag Board” entschieden, weil deren Nutzung kostenfrei ist (eine Anmeldung ist allerdings erforderlich) und mehrere Tablet PCs gemeinschaftlich an einem großen Whiteboard arbeiten können. Die Möglichkeit, dass Ergebnis im Entstehungsprozess im Browser betrachten zu können ist ein weiterer Vorteil. Entscheidend waren für mich jedoch die Performance und die Usability der App. Die Schreibfläche ist viel größer als bei anderen Whiteboard-Apps, von denen es recht viele gibt. Man kann mit den Fingern ohne Qualitätsverlust rein- und raus-zoomen. Dies liegt daran, dass die Zeichnungen als Vektorgrafiken realisiert werden. Sie können daher beliebig vergrößert oder verkleinert und zudem immer wieder verschoben und neu angeordnet werden. Das kann sonst keine andere App so gut. Probieren Sie es aus.